VOM GESTEUERTEN ZUFALL IM ENTSCHEIDENDEN AUGENBLICK

 

Christoph Doswald über die PIECES von Hans Peter Riegel

 

Der sogenannte "moment décisif" prägt die Bewertung der Fotografie während der gesamten ersten 150 Jahren seit ihrer Erfindung. Nur wer den Auslöser im entscheidenden Augenblick drückt und gleichzeitig den richtigen Bildausschnitt wählt, besitzt den Schlüssel zum fotografischen Ruhm. Henri Cartier-Bresson, der definitorische Erfinder des "moment décisif" steht an oberster Stelle dieser Qualitätspyramide; dicht gefolgt von Robert Capa, Werner Bischof, Elliot Erwitt, Nan Goldin, Martin Parr, Alec Soth und anderen Dokumentalisten einer Bild-Wirklichkeit.

 

Doch der "moment decisif" weist nicht nur eine kognitive Dimension auf, sondern kann auch als koinzidentielle Qualität verstanden werden. Der Schweizer Konzeptkünstler und Gestalter       Hans Peter Riegel (*1959) fokussiert in seinem fotografischem Oeuvre mit unkonventionellen und eigenständigen Methoden auf diese Dimension der fotografischen Entscheidung. Hans Peter Riegelist auch als Biograf der deutschen Künstlerfürsten Joseph Beuys und Jörg Immendorff einem breiten Publikum bekannt. In seiner Ausstellung in der Bildhalle in Kilchberg wird erstmals sein fotografisches Oeuvre der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ausgangspunkt der Präsentation, die rund 50 Werke vereinigt, ist ein Konvolut von mehreren Tausend Bildern, die Riegel in den letzten 30 Jahren angefertigt, aber nie gezeigt hat.

 

Die Fotografie ist für Riegel ein Schlüssel-Medium. Seit seiner Zeit am Gymnasium hat er kontinuierlich mit einer Kleinbild-Kamera fotografiert - anfänglich, um seine Artikel für eine Schülerzeitung zu illustrieren, später, um sein Leben und seine Reisen zu dokumentieren.         Die Fotografie hat ihm auch Zugang zur Kunstszene verschafft: Als Hans Peter Riegel, noch nicht einmal volljährig, für ein Underground-Magazin den Maler Jörg Immendorff ablichtete, gefiel dem Künstler das Portrait so gut, dass er Riegel beauftragte, weitere Fotos anzufertigen, die dann in der US-Kunstzeitschrift Artforum abgedruckt wurden. Das war der erste "moment décisif" in Riegels künstlerischem Leben.

 

Der zweite entscheidende Faktor für seine PIECES  ist dem nomadischen Lebenswandel von Riegel geschuldet. Als Assistent von Jörg Immendorf, als Kunst-Student, dann alsArt Director und Werbetexter, hat er an vielen Orten dieser Welt gelebt und gearbeitet. Die Kamera war ein permanenter Begleiter, die Fotos gewissermassen eine Selbstvergewisserungs-Instrument. Trotzdem hat Hans Peter Riegel die über die Jahrzehnte entstandenen Bilder kaum über den Aggregatszustand des Negativs hinaus weiter bearbeitet; das Provisorische dieses Lebens zwischen Künstlerateliers, Werbeagentur und Road Movie manifestierte sich allerhöchstens in Kontaktabzügen, die ab und an von Markierung eines roten Fettstifts eine handschriftliche Dramatisierung erfuhren.

 

Als in Riegels Archiv ein Wasserschaden geschieht, kommt ein weiterer "moment décisif" hinzu. Das Wasser dringt in die Schachteln ein, verklebt die Jahrzente alten Negative und Kontaktbögen, verschmiert die vormals klar konturierten Linien des Fettstifts. Es stiftet Unordnung, lässt Notizen und Anmerkungen verschwinden und kreiert eigenwillige alchemistische Reaktionen in einem medialen Kontext, der per se einen chemistischen Hintergrund aufweist. Selbst für Hans Peter Riegel, Autor der Bilder, ist es ab diesem Eingriff nicht mehr möglich, den Ursprung und die Geschichte der Bilder präzise zu rekonstruieren.

 

Das vom Zufall bearbeitete Bildmaterial gleicht ab diesem Augenblick quasi einem visuellen Komposthaufen der Biografie von Hans Peter Riegel. Mit teilweise brachialen Methoden nimmt sich der Künstler dieses Material vor, eignet es sich von Neuem an. Riegel isoliert einzelne Sujets, reist Verklebungen auseinander und legt das freigelegte Motiv auf einen Scanner.           Die so entstandenen neuen Bilder werden schliesslich zu teils grossformatigen Prints vergrössert. Sie zeigen menschenleere, poetische Bildwelten mit künstlicher Farbgebung, solarisierten Verfleckungen, geheimnisvollen Markierungen und Spuren zerstörerischer Manipulationen.

 

Am Ende dieses vielschichtigen Prozesses bleiben Bilder der Verunklärung zurück. Bilder,        die trotz ihres Gegenwelt-Charakters die eigene Herkunft nicht leugnen: Es sind biografische Momente der Kunstgeschichte, die eine kritische Masse von entscheidenden Augenblicken,      von decisiven Momenten in sich synthetisieren.